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RICHARD REINISCH » Shanghai-Nights

Shanghai-Nights

Jun 10 '19

Shanghai-Nights

Nach über 24 Stunden
inklusive fünf Stunden Aufenthalt in Peking in Shanghai angekommen, ging es mit
dem Taxi circa eineinhalb Stunden durch die surreal wirkende Stadt Shanghai an
den Rand der Stadt. Während der Fahrt erzählte mir der Taxifahrer was er von
der Politik hält; nämlich, dass das erwirtschaftete Geld nicht bei der
Bevölkerung ankommt und ferner, dass er seiner Familie ein gutes Leben bieten
möchte.

Nachdem ich schon einige Taxifahrten
und Gespräche hinter mir hatte, kamen mir die Themen bekannt vor. Die Menschen
auf der Erde mögen zwar oft sehr unterschiedlich aussehen, aber der Geist der
Menschen unterscheidet sich nur durch die Erfahrungen, die sie im Laufe ihres
Lebens machen.

Beim Hotel angekommen
teilte mir die Rezeptionistin mit, dass die Firma die Reservierung nicht
bestätigt hatte und sie kein Zimmer mehr frei hätten. Nachdem dieser Umstand in
meinem Leben schon öfters vorkam, wunderte ich mich darüber nicht weiter. Wahrscheinlich
hätte ich mich um die Reisen selbst kümmern sollen. Nichtsdestotrotz war ich
nicht sehr erfreut und versuchte nicht den Ärger auf die Angestellten im Hotel
zu projizieren.

Die Rezeptionistin war
sehr bemüht und nach ungefähr einer Stunde kam ich in einem anderen Hotel an.
Obwohl ich fix und fertig war freute ich mich, als ich im Golf-Hotel von
Shanghai durch die prunkvolle Eingangshalle schritt. Scheinbar sollte der Tag
doch noch ein gutes Ende finden.

Am nächsten Tag nach
einem leckeren Frühstück, brachte mich ein Hotel-Taxi zum ursprünglichen Hotel.
Als ich meine Arbeitskollegen traf, teilten sie mir mit, dass ich ihnen dankbar
sein könne, denn in dem Hotel, das ursprünglich gebucht war, begrüßte sie eine
riesige Ratte, die aus der Wand kam.

Nachdem wir pro Tag eine
Stunde verloren hätten, wenn wir auf ein normales Taxi gewartet hätten, wurde
ein schwarzes Taxi beauftragt. Dieses war nicht nur von der Farbe her schwarz,
aber gemütlich und pünktlich. Leider war die steuerliche Absetzbarkeit nicht
gegeben, also ging es auf eigene Rechnung.

Im Unternehmen angekommen,
checkte ich die Lage meiner technischen Gerätschaften, und schnell war klar,
dass ich wieder heimfliegen konnte.

Aus unerfindlichen
Gründen hatte die Firma vergessen, eine Speicherkarte für meine Steuerung
mitzuliefern und nachdem ich noch nicht sehr lange in der Firma angestellt war,
hatte ich auch selbst noch kein persönliches Lager für solche Fälle. Nachdem
keine brauchbare Reaktion seitens der Firma, in deren Auftrag ich unterwegs war,
veranlasst wurde ging ich auf die Suche nach einer Speicherkarte.

Der Produktionsbetrieb
war sehr groß und ich arbeitete mit einer namhaften Steuerung. Die Chancen,
dass ich etwas Brauchbares finden würde, waren also recht gut. Ich fragte bei
deutschen Firmen nach, die auch vor Ort waren und nach einer Weile baute ein
deutscher Techniker aus seiner Sondermaschine eine Speicherkarte aus und gab
sie mir. Er meinte er hätte noch keinen Stress mit seinen Maschinen, er brauche
sie aktuell nicht. So konnte ich mit meiner Arbeit beginnen.

Durch die Anreise war ich
sehr verkühlt und meine Nase tropfte andauernd. Es hätte auch sein können, dass
mir mein Körper mitteilen wollte, dass er genug hat. Ich ging zum Supermarkt,
in der Hoffnung, etwas meiner Gesundheit Wohltuendes zu finden. Ich fuhr die
Rolltreppe hinab, steuerte auf die Backwaren zu und auf einmal erschrak ich
heftig. Rechts neben mir sah ich in einer Vitrine, wie mich zwei Frösche mit
ihren großen Augen “anglupschten”. Ich war schockiert, auch wenn das
zu erwarten war. Ich hatte noch nie so viel Mitgefühl für ein Lebewesen
empfunden, obwohl ich zuvor in Frankreich schon viele auf den Reifen meiner
Leihwägen kleben sah, weil sie dort nicht im Stande sind, Unterführungen für
die wandernden Frösche zu bauen.

Ich besorgte mir zwei
Muffins, einen dunklen und einen hellen, eine riesige Packung Kekse und das teuerste
Wasser, das sie dort zu bieten hatten. Bei all meinen Besuchen kaufte ich
dieses Wasser auf. Es war ein Gletscher-Wasser aus Tibet.

Im Hotel gab es gratis
Wasserflaschen, aber das Wasser schmeckte so nach Weichmacher, dass ich es
nicht einmal zum Zähneputzen nehmen wollte.

Überraschenderweise
schmeckten die Muffins salzig und nicht nach Schokolade und die Kekse
enthielten Gewürze und keinen Zucker. Somit versuchte ich das Zeug, von dem ich
nicht wusste, was es wirklich war, unauffällig wieder los zu werden. Man kann
nie wissen, wie eine fremde Kultur, beziehungsweise das Personal reagiert. Ich
versuchte mich immer gut anzupassen, um in fremden Ländern in keine
Fettnäpfchen zu treten.

Frühstücken konnte ich
selten auf meinen Reisen. Mittagessen gab es keines und zum Abendessen gab es
meist Pizza. Zum Glück hatte ein Österreicher in der Nähe ein deutsches
Restaurant eröffnet. Fasziniert beobachtete ich dort, wie zwölf Einwohner
dieses fremden Landes sich mit einem Bier-Krug vergnügten. Nach drei Mini-Bechern,
aus denen sie tranken, lachten sie nur noch und lagen teilweise unter dem
Tisch. Dieses Enzym, das den Chinesen mangelt, verursachte in meinen jungen
Jahren recht hohe Ausgaben.

Ich war nicht immer sehr
gut informiert darüber, was in verschiedenen Ländern passiert. Aus diesem Grund
wurde ich öfters überrascht. Einmal, als ich im Bett lag, um meine Verkühlung
zu kurieren, erwachte ich durch laute Explosionen. Ich sah wie vor meinem
Fenster im 21. Stock Feuerwerke explodierten. Die Teile schlugen auf die dünnen
Glasfenster. Anscheinend hatte ich das chinesische Neujahr übersehen. Trotzdem
wunderte ich mich, wie es möglich war, mitten der Hochhäuser Feuerwerke
abzufeuern. Der Lärm beunruhigte mich ein wenig, aber da die Taxifahrer die
ganze Nacht die Hupe betätigen, war der Lärmpegel nur geringfügig erhöht.

An einem Wochenende ging
es in das Zentrum von Shanghai. Ich besuchte den größten Fälscher-Markt der
Welt und ließ mir einen ein Terrabyte USB-Stick einer bekannten Marke andrehen.
Ich war überrascht, als Windows wirklich ein Terrabyte als verfügbaren Speicher
anzeigte. Natürlich funktionierte er nicht lange, aber den Spaß hatte ich mir
gegönnt.

Einmal stürzte ich mich
ins Nachtleben von Shanghai. Schon die Taxifahrt war aufregend. Ich kam an der
blau beleuchteten Autobahn, die in einem der neueren James Bond Filme vorkommt,
vorbei. Die Autobahn war vollkommen leer und uns überholte ein Lamborghini mit
geschätzten 200 „Sachen“.

Die Stadt wirkte wie eine
Traumwelt, oder ein im Computer generiertes Hologramm – ich war fasziniert.

Vom Balkon eines
In-Lokals aus konnte man die beleuchteten Hochhäuser bewundern, die surreal
wirkten. Von einer anderen Bar aus, im obersten Stock eines Wolkenkratzers,
konnte ich den sich damals im Bau befundenen Shanghai Tower bewundern.

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