Der Pate und sein Techniker

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In den frühen Jahren meiner Karriere schwitzte ich immer bei Flughäfen, nicht weil ich Fieber oder Flugangst hatte, sondern weil ich immer rannte. Ich vertrödelte die Zeit bis zum Flug, packte Zuhause schnell meine Sachen, rannte zum Check-In, rannte zur Sicherheitskontrolle, rannte zum Flugsteig, rannte ins Flugzeug, rannte aus dem Flugzeug, rannte zum nächsten Flugsteig und entschuldigte mich andauernd bei irgendwem. Manchmal musste ich auch Flüge umbuchen, weil ich an fremden Flughäfen nicht wusste, wo ich das Leihauto zurückgeben musste oder Tankstellen suchen musste, um dann den Flug zu versäumen. Oder ich konnte die Maschinen nicht loslassen, weil mir noch Fehler aufgefallen sind.

So setzte ich mich in Rom verschwitzt, mit T-Shirt in einen ausgebuchten Businessjet, in den ich so ganz nicht passte.

Ich sah in die Runde und bemerkte nur Menschen über fünfzig, die in teuren Designer-Anzügen auf den Abflug warteten. Es kam mir vor, als ob ich mit den Paten aller namhaften neapolitanischen Familien in einem Flugzeug saß.

In Neapel angekommen, wartete ich auf meine Gepäckstücke. Irgendwann kam mein Koffer, aber der Werkzeugkoffer war nicht dabei. Oje, dachte ich mir. In dem Werkzeugkoffer lag das einzige Kabel der Firma, mit dem ich die Steuerung programmieren konnte.

Durch diese Tatsache mental am Boden, fuhr ich zum Hotel, um dort zu erfahren, dass sie kein Zimmer mehr frei hätten und sie auch nichts machen könnten. Nach kurzer Traurigkeit ging ich mitten in der Nacht als Zwanzigjähriger mit meinem großen Koffer, einer großen Notebook-Tasche und einem Rucksack zu Fuß auf die Suche nach einem Hotel.

Nach einer Stunde des Umherirrens fand ich ein Hotel und sie gaben mir ein Zimmer für 150€. Naja, es war eigentlich kein Zimmer, sondern eine Ausnüchterungszelle ohne WC oder Bad, aber dafür preisgünstig. Ich war froh, als ich mich hinlegen konnte.

Am nächsten Tag erreichte ich meine Montage-Kollegen, aber ich traute mich nicht ihnen zu sagen, dass die ganze Aktion ins Wasser fällt, weil das Kabel im Koffer an irgendeinem Flughafen liegt. Sie hatten allerdings schon die ganze Anlage umgebaut und den alten Schaltschrank entfernt, also gab es kein Zurück mehr. Der Chef des Unternehmens, ein kleiner Pate, war von Haus aus griesgrämig und sein Haustechniker wirkte wie Frankenstein, nur etwas böser. Ich dachte, lebend komme ich von dort nicht wieder weg.

Scheinbar hatte ich Unterstützung von oben, denn ich fand ein Kabel, das beim Modem angeschlossen war und das dem abhanden Gekommenen entsprach. Nach einem Schluck Kaffee aus einer Maschine, die fünf Minuten presste, bis der Tropfen in den Mini-Becher fiel, versuchte ich irgendwie nachzuvollziehen, was die Elektriker da alles verändert hatten. Ich hatte noch nie diese Steuerung programmiert. Sie war alt und alle, die sich damit auskannten, waren entweder schon Tod, im Urlaub, bei einer anderen Anlage oder im Krankenstand. Dass ich hier zum Zug kam war eine Folge meiner Jasagerei und meiner grenzenlosen Naivität. Ich hatte nicht einmal Zeit bekommen, um mich mit der Anlage auseinanderzusetzen. Aus noch immer unerfindlichen Gründen gelang es mir, dort den neuen Schaltschrank mit der alten Steuerung zu aktivieren. Ich hatte nur das Wochenende Zeit, weil laut Pate die Anlage am Montag wieder voll funktionstüchtig sein sollte.

Am Sonntagabend luden mich die Montage-Kollegen zu einem Trinkgelage ein. Sie wollten mich wahrscheinlich betrunken machen. Aber als Südsteirer und Enkel eines Weinbauern war ich damals schon einiges gewohnt.

Nach zwölf Flaschen Rotwein zu fünft und einer laufenden Klimaanlage im Winter, weil die Hotel-Angestellten wollten, dass wir endlich schlafen gehen, ging ich irgendwann vor Sonnenaufgang zu Bett. Kurz eingenickt, wachte ich mit Krach aus meinem Schlaf auf. Jemand Schlug an meine Tür. Ich dachte, es wäre die Mafia, die mich jetzt töten wollte. Zuerst verschanzte ich mich, irgendwann machte ich die Tür auf. Vor mir Stand der Haustechniker des Paten mit seinen Sandalen und schimpfte.

Nachdem ich kein italienisch konnte, folgte ich seinen Gesten. Ich ging mit ihm zur stillstehenden Anlage. Er dachte, sie würde nicht mehr funktionieren. Ich zeigte ihm, wie man sie einschalten konnte. Die Anlage wurde vorher nie ausgeschaltet, aus Angst, dass sie nicht mehr starten würde.

Nachdem das geklärt war, ging ich duschen und überflutete das ganze Hotelzimmer, weil der Abfluss in dem Loch nicht funktionierte. Nach Beseitigung der bis ins Bett reichenden Flut freute ich mich auf einen Tag voller Kopfschmerzen von dem Fusel.

Nachdem ich die zweitschlechteste Pizza meines Lebens in Neapel gegessen hatte und die Tage vorbei waren, flog ich nach Hause. Kurz vor Weihnachten bei Minus-Graden in Graz am Flughafen mit T-Shirt ausgestiegen, wunderten sich meine Eltern über meine Hitze. Wahrscheinlich hatte der Rotwein mein Blut zum Kochen gebracht.

19. Juni 2019

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