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RICHARD REINISCH » Der Pate und sein Techniker

Der Pate und sein Techniker

Jun 10 '19

Der Pate und sein Techniker

In den frühen Jahren
meiner Karriere schwitzte ich immer bei Flughäfen, nicht weil ich Fieber oder
Flugangst hatte, sondern weil ich immer rannte. Ich vertrödelte die Zeit bis
zum Flug, packte Zuhause schnell meine Sachen, rannte zum Check-In, rannte zur
Sicherheitskontrolle, rannte zum Flugsteig, rannte ins Flugzeug, rannte aus dem
Flugzeug, rannte zum nächsten Flugsteig und entschuldigte mich andauernd bei
irgendwem. Manchmal musste ich auch Flüge umbuchen, weil ich an fremden
Flughäfen nicht wusste, wo ich das Leihauto zurückgeben musste oder Tankstellen
suchen musste, um dann den Flug zu versäumen. Oder ich konnte die Maschinen
nicht loslassen, weil mir noch Fehler aufgefallen sind.

So setzte ich mich in Rom
verschwitzt, mit T-Shirt in einen ausgebuchten Businessjet, in den ich so ganz
nicht passte.

Ich sah in die Runde und
bemerkte nur Menschen über fünfzig, die in teuren Designer-Anzügen auf den
Abflug warteten. Es kam mir vor, als ob ich mit den Paten aller namhaften neapolitanischen
Familien in einem Flugzeug saß.

In Neapel angekommen,
wartete ich auf meine Gepäckstücke. Irgendwann kam mein Koffer, aber der
Werkzeugkoffer war nicht dabei. Oje, dachte ich mir. In dem Werkzeugkoffer lag
das einzige Kabel der Firma, mit dem ich die Steuerung programmieren konnte.

Durch diese Tatsache mental
am Boden, fuhr ich zum Hotel, um dort zu erfahren, dass sie kein Zimmer mehr
frei hätten und sie auch nichts machen könnten. Nach kurzer Traurigkeit ging
ich mitten in der Nacht als Zwanzigjähriger mit meinem großen Koffer, einer
großen Notebook-Tasche und einem Rucksack zu Fuß auf die Suche nach einem
Hotel.

Nach einer Stunde des Umherirrens
fand ich ein Hotel und sie gaben mir ein Zimmer für 150€. Naja, es war
eigentlich kein Zimmer, sondern eine Ausnüchterungszelle ohne WC oder Bad, aber
dafür preisgünstig. Ich war froh, als ich mich hinlegen konnte.

Am nächsten Tag erreichte
ich meine Montage-Kollegen, aber ich traute mich nicht ihnen zu sagen, dass die
ganze Aktion ins Wasser fällt, weil das Kabel im Koffer an irgendeinem
Flughafen liegt. Sie hatten allerdings schon die ganze Anlage umgebaut und den
alten Schaltschrank entfernt, also gab es kein Zurück mehr. Der Chef des
Unternehmens, ein kleiner Pate, war von Haus aus griesgrämig und sein
Haustechniker wirkte wie Frankenstein, nur etwas böser. Ich dachte, lebend
komme ich von dort nicht wieder weg.

Scheinbar hatte ich
Unterstützung von oben, denn ich fand ein Kabel, das beim Modem angeschlossen
war und das dem abhanden Gekommenen entsprach. Nach einem Schluck Kaffee aus
einer Maschine, die fünf Minuten presste, bis der Tropfen in den Mini-Becher fiel,
versuchte ich irgendwie nachzuvollziehen, was die Elektriker da alles verändert
hatten. Ich hatte noch nie diese Steuerung programmiert. Sie war alt und alle,
die sich damit auskannten, waren entweder schon Tod, im Urlaub, bei einer
anderen Anlage oder im Krankenstand. Dass ich hier zum Zug kam war eine Folge
meiner Jasagerei und meiner grenzenlosen Naivität. Ich hatte nicht einmal Zeit
bekommen, um mich mit der Anlage auseinanderzusetzen. Aus noch immer
unerfindlichen Gründen gelang es mir, dort den neuen Schaltschrank mit der
alten Steuerung zu aktivieren. Ich hatte nur das Wochenende Zeit, weil laut
Pate die Anlage am Montag wieder voll funktionstüchtig sein sollte.

Am Sonntagabend luden
mich die Montage-Kollegen zu einem Trinkgelage ein. Sie wollten mich
wahrscheinlich betrunken machen. Aber als Südsteirer und Enkel eines Weinbauern
war ich damals schon einiges gewohnt.

Nach zwölf Flaschen
Rotwein zu fünft und einer laufenden Klimaanlage im Winter, weil die
Hotel-Angestellten wollten, dass wir endlich schlafen gehen, ging ich
irgendwann vor Sonnenaufgang zu Bett. Kurz eingenickt, wachte ich mit Krach aus
meinem Schlaf auf. Jemand Schlug an meine Tür. Ich dachte, es wäre die Mafia,
die mich jetzt töten wollte. Zuerst verschanzte ich mich, irgendwann machte ich
die Tür auf. Vor mir Stand der Haustechniker des Paten mit seinen Sandalen und
schimpfte.

Nachdem ich kein
italienisch konnte, folgte ich seinen Gesten. Ich ging mit ihm zur stillstehenden
Anlage. Er dachte, sie würde nicht mehr funktionieren. Ich zeigte ihm, wie man
sie einschalten konnte. Die Anlage wurde vorher nie ausgeschaltet, aus Angst,
dass sie nicht mehr starten würde.

Nachdem das geklärt war,
ging ich duschen und überflutete das ganze Hotelzimmer, weil der Abfluss in dem
Loch nicht funktionierte. Nach Beseitigung der bis ins Bett reichenden Flut freute
ich mich auf einen Tag voller Kopfschmerzen von dem Fusel.

Nachdem ich die zweitschlechteste
Pizza meines Lebens in Neapel gegessen hatte und die Tage vorbei waren, flog
ich nach Hause. Kurz vor Weihnachten bei Minus-Graden in Graz am Flughafen mit
T-Shirt ausgestiegen, wunderten sich meine Eltern über meine Hitze. Wahrscheinlich
hatte der Rotwein mein Blut zum Kochen gebracht.

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