Die Eiszeit

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Life Odyssey :: Die Eiszeit

Etwas aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich in China erwartet, begann meine Odyssee am Flughafen in Graz.

Um die Maschine in Betrieb nehmen zu können, benötigt es einen 50cm langen Metallstab. Dieser Stab wurde jedoch nicht nach China geliefert, also wurde ich gebeten ihn mitzunehmen. Der Wert dieses Stabes liegt bei circa fünftausend Euro.

Nachdem ich mich am Flughafen Graz vom Zoll davon überzeugen ließ, dass es kein Problem sei, den Stab im Handgepäck mitzunehmen, ging ich durch die Sicherheitskontrolle. Mit skeptischen Augen sahen mich die Sicherheitsfachkräfte an. Nachdem ich ihnen mitgeteilt hatte, dass der Stab essenziell für die Inbetriebnahme sei und der Zollbeamte das OK gegeben hat, konnte ich meine Reise antreten.

Einige Stunden später in Peking angekommen, ging ich erneut durch eine Sicherheitskontrolle. Mein Handgepäck ging durch den Scanner und plötzlich fühlte ich mich umgeben von Panik. Sicherheitsleute stürmten herbei und es schien so, als ob die Sicherheitskräfte in Peking den Stab anders einschätzten als jene in Graz. Ich blieb ruhig und erklärte ihnen, dass ich Ingenieur bin und der Stab essenziell für die Inbetriebnahme einer Maschine ist. Sie sahen den Stab als Waffe, mit dem ich jemanden niederknüppeln könnte. Sie teilten mir mit, dass ich mit dem Stab hier sicher nicht durchkommen würde und dass ich ihn einchecken müsse. Auf die Frage, wo ich das machen könnte, konnten sie mir leider keine Antwort geben.

Also ging ich nach ungefähr einer Stunde Wartezeit in der Schlange wieder zurück und versuchte am kleinen Flughafen Peking den Lufthansa Check-In zu finden. Die Tatsache, dass der Anschlussflug recht gut „getimed“ war und die Angst, den Flug zu verpassen, verursachte unsichtbare Tritte in meinen müden Hintern.

Nach einer Weile des Umherirrens fand ich den Schalter. Die Dame dort war sehr bemüht und teilte mir mit, dass das Einchecken des Stabes kein Problem sei, ich müsse nicht einmal dafür bezahlen. Ich solle den Stab nur verpacken lassen, “dort drüben ist jemand der das macht”, meinte sie. Leider wusste ich nicht, wo da drüben ist, und so suchte ich im Getümmel den Verpackungsbeauftragten.

Ich fand ihn, aber verstand kein Wort seiner Sprache. Irgendwann war klar, dass er Geld als  Gegentausch für seine Leistung sehen wollte und so machte ich mich auf die Suche nach einem Geldautomaten, denn er nahm keine US-Dollar oder Euro. Am Geldautomaten angekommen, konnte ich die Schriftzeichen nicht entziffern. Dennoch gelang es mir irgendwie, dort Geld abzuheben. Ich war mir auch nicht sicher, wieviel das Geld dort Wert ist, also zeigte ich dem Verpackungsbeauftragten die Scheine und er nahm das, was er brauchte. Er verpackte den Stab und ich konnte ihn abgeben. Ich hoffte, dass er auch am richtigen Ort und unbeschadet ankommt. Wenn es nicht so gewesen wäre; hätte ich gleich wieder heimfliegen können.

Mit einem größeren Businessjet ging es in den Norden von China, irgendwo über Nordkorea.

In dem Flugzeug saßen wahrscheinlich überwiegend Manager, gekleidet in Anzügen, vielleicht die Elite aus dem Norden. Während des Fluges gab es traditionelle Gerichte: Nachdem mir der Geruch in die Nase stieg und ich beim Essen selten Risiken eingehe, aß ich nur das, was mir bekannt vorkam. Die Essgewohnheiten meiner Mitreisenden erinnerten mich an Alf aus der bekannten Fernsehserie, oder an den Schweinestall meines Großvaters, den er früher bewirtschaftet hatte. In diesem Fall versuchte ich mich nicht zu sehr anzupassen, um Zuhause von der Gesellschaft noch akzeptiert zu werden.

Ich freute mich, als ich den Flughafen erkannte, auf den wir zusteuerten, aber ich sah nur Eis. Ich hatte noch nie einen Flughafen gesehen, der nicht komplett vom Eis befreit wurde und ich dachte mir: das wird eine interessante Landung.

Nachdem ich eine Weile auf meinen Koffer wartete, sah ich, dass er die Reise nicht ganz überstanden hatte. Ich meldete den Schaden, bekam zwar nicht den Preis des Koffers ersetzt, aber ich war nach über 24 Stunden Anreise zu müde, um zu verhandeln. Später fand ich für den erhaltenen Betrag einen schönen Koffer, den ich bis heute mein Eigen nenne.

Nachdem ich alle Sachen beisammen hatte, ging es zum Taxistand. Ich Schritt durch die Tür des Flughafens und blieb stehen. Ich sah auf den Boden und bemerkte gelbe und weiße Flecken am Boden. Ich wusste nicht was das war, bis ich sah, wie ein Mann tief aus seinem Rachen eine nicht geringe Menge Speichel und Eiter hervor röhrte. Nachdem ich meine neuen Schuhe damit nicht beleidigen wollte, suchte ich mit Blick auf den Boden einen Weg durch das Labyrinth aus Eiterflecken. Ich versuchte auch den schweren Koffer nicht den Boden berühren zu lassen.

Der Taxifahrer konnte kein Englisch, also zeigte ich ihm die Schriftzeichen des Hotels. Im Hotel angekommen, freute ich mich auf das Bett. Die Klimaanlage stellte ich ab, weil ich die trockene Luft nicht vertrage, und ich erblickte einen Hinweiszettel am Schreibtisch mit der Wettervorhersage für den nächsten Tag. Ich las -26 Grad Celsius, aber nachdem ich schon bei der Anfahrt zum Hotel sah, dass die ganze Stadt vereist war, wunderte mich das nicht. Ich hatte zum Glück auch warme Sachen dabei.

Nach ein paar Tagen sprangen meine Lippen auf und meine Nase begann zu bluten. Die kalte und trockene Luft hatte mir zugesetzt. Nachdem das Hotel-Personal die Klimaanlage immer wieder einschaltete, obwohl ich sie zuvor ausgeschaltet hatte, ging ich zur Rezeption, um ihnen mitzuteilen, dass die Klimaanlage für mich nicht förderlich sei. Nach einer Weile, als ich schon im Bett lag, kam eine Rezeptionistin mit einem Techniker und einer einen Meter langen Tube mit Dichtmasse. Sie dichteten damit die Fenster ab, während ich durch die Fernseh-Programme zappte, in der Hoffnung, einen passenden Sender zur Unterhaltung zu finden. Ich fand es nett, dass sie auf mich eingegangen waren, auch wenn nun das Blut in der Nase eine Koexistenz mit den Dämpfen aus der Dichtmasse einging.

In einer Nacht konnte ich nicht schlafen, weil ein Mann stundenlang den Teppich im Gang vor meinem Zimmer mit seinem Erbrochenen markierte, bevor er endlich sein Zimmer fand. Wahrscheinlich hatte er zuvor ein kleines Bier getrunken. Am nächsten Tag nach dem Frühstück fuhr eine Putzmaschine über den Teppich, und er sah fast so aus wie zuvor. Jetzt wusste ich, warum mich die Rezeptionistin auf die Hauspantoffeln aufmerksam gemacht hatte.

Nachdem ich das Ökosystem der Teppichlandschaft in dem Hotel nicht beeinflussen wollte, begleiteten mich meine Schuhe fortan bis zur Bettkante. Wenn ich mit den Socken am Teppich ankam, erschrak ich und wollte die Socken gleich verbrennen.

Zum Einkaufszentrum, das fast in Sichtweite war, nahmen die Hotelgäste meist ein Taxi, weil sie Angst davor hatten, sich auf dem Weg das Kreuz zu brechen. Es gab zwar Gehwege, aber diese waren von einer zehn Zentimeter dicken Eisschicht bedeckt, welche nicht griffig war. Man konnte also nur zum Einkaufszentrum hin rutschen. Für fünf Minuten Gehweg benötigte man ungefähr eine Stunde.

Drei Stunden mit dem Auto entfernt gibt es eine weltberühmte Eis-Stadt. Leider konnte ich keine Sehenswürdigkeiten in der Nähe ausmachen, allerdings nutzte ich die verfügbare Freizeit an Sonntagen und besorgte mir einige sehr schöne Lentikular 3D-Bilder, die ich im Supermarkt fand. Ich war verwundert, dass man in dieser Eiswüste, die nicht gerade fortschrittlich wirkt, 3D-Bilder findet, aber manchmal hat das Leben einen Scherz auf Lager.

Meine Arbeit wurde oft durch politische Unstimmigkeiten erschwert. Nach wochenlangen Diskussionen wurde eine Netzwerkverbindung zum Serverraum für meine Maschinen hergestellt. Das Kabel führte durch die Halle, durch eine Tür zur Hauptsteuerung. Jedes Mal, wenn jemand die Tür schloss, was sehr oft der Fall war, wurde das Netzwerkkabel dünner, weil es von der Tür eingeklemmt wurde. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich erlaubte mir den Manager, in Gegenwart seiner Untergebenen, drauf hinzuweisen, dass das ganze Werk an einem gewissen Kabel hängt, welches als eine Art Nabelschnur dient, und dass er es zu verantworten hätte, wenn das gesamte Werk still steht. Als Techniker musste ich, um meine Aufträge zu erfüllen, oft forsch sein, oder es selbst machen. In China ist jedoch die Hierarchie so ausgeprägt und die Menschen so beherrscht von ihrem Ehrgefühl, dass es für ausländische Techniker sehr schwer werden kann. Das positive Verhältnis zu dem Manager war erstarrt, wie das Wasser auf den Straßen.

Auch nach meinem zweiten Einsatz vor Ort führte das Kabel noch durch die Tür. Es war aber schon etwas weiter geschrumpft.

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