Die Eiszeit

Jun 19 '19

Die Eiszeit

Etwas aufgeregt, weil ich
nicht wusste, was mich in China erwartet, begann meine Odyssee am Flughafen in
Graz.

Um die Maschine in
Betrieb nehmen zu können, benötigt es einen 50cm langen Metallstab. Dieser Stab
wurde jedoch nicht nach China geliefert, also wurde ich gebeten ihn
mitzunehmen. Der Wert dieses Stabes liegt bei circa fünftausend Euro.

Nachdem ich mich am
Flughafen Graz vom Zoll davon überzeugen ließ, dass es kein Problem sei, den
Stab im Handgepäck mitzunehmen, ging ich durch die Sicherheitskontrolle. Mit
skeptischen Augen sahen mich die Sicherheitsfachkräfte an. Nachdem ich ihnen mitgeteilt
hatte, dass der Stab essenziell für die Inbetriebnahme sei und der Zollbeamte
das OK gegeben hat, konnte ich meine Reise antreten.

Einige Stunden später in
Peking angekommen, ging ich erneut durch eine Sicherheitskontrolle. Mein
Handgepäck ging durch den Scanner und plötzlich fühlte ich mich umgeben von
Panik. Sicherheitsleute stürmten herbei und es schien so, als ob die
Sicherheitskräfte in Peking den Stab anders einschätzten als jene in Graz. Ich
blieb ruhig und erklärte ihnen, dass ich Ingenieur bin und der Stab essenziell
für die Inbetriebnahme einer Maschine ist. Sie sahen den Stab als Waffe, mit
dem ich jemanden niederknüppeln könnte. Sie teilten mir mit, dass ich mit dem
Stab hier sicher nicht durchkommen würde und dass ich ihn einchecken müsse. Auf
die Frage, wo ich das machen könnte, konnten sie mir leider keine Antwort
geben.

Also ging ich nach
ungefähr einer Stunde Wartezeit in der Schlange wieder zurück und versuchte am
kleinen Flughafen Peking den Lufthansa Check-In zu finden. Die Tatsache, dass
der Anschlussflug recht gut „getimed“ war und die Angst, den Flug zu verpassen,
verursachte unsichtbare Tritte in meinen müden Hintern.

Nach einer Weile des
Umherirrens fand ich den Schalter. Die Dame dort war sehr bemüht und teilte mir
mit, dass das Einchecken des Stabes kein Problem sei, ich müsse nicht einmal
dafür bezahlen. Ich solle den Stab nur verpacken lassen, “dort drüben ist
jemand der das macht”, meinte sie. Leider wusste ich nicht, wo da drüben
ist, und so suchte ich im Getümmel den Verpackungsbeauftragten.

Ich fand ihn, aber
verstand kein Wort seiner Sprache. Irgendwann war klar, dass er Geld als  Gegentausch für seine Leistung sehen wollte und
so machte ich mich auf die Suche nach einem Geldautomaten, denn er nahm keine US-Dollar
oder Euro. Am Geldautomaten angekommen, konnte ich die Schriftzeichen nicht
entziffern. Dennoch gelang es mir irgendwie, dort Geld abzuheben. Ich war mir
auch nicht sicher, wieviel das Geld dort Wert ist, also zeigte ich dem
Verpackungsbeauftragten die Scheine und er nahm das, was er brauchte. Er
verpackte den Stab und ich konnte ihn abgeben. Ich hoffte, dass er auch am
richtigen Ort und unbeschadet ankommt. Wenn es nicht so gewesen wäre; hätte ich
gleich wieder heimfliegen können.

Mit einem größeren
Businessjet ging es in den Norden von China, irgendwo über Nordkorea.

In dem Flugzeug saßen
wahrscheinlich überwiegend Manager, gekleidet in Anzügen, vielleicht die Elite
aus dem Norden. Während des Fluges gab es traditionelle Gerichte: Nachdem mir
der Geruch in die Nase stieg und ich beim Essen selten Risiken eingehe, aß ich
nur das, was mir bekannt vorkam. Die Essgewohnheiten meiner Mitreisenden
erinnerten mich an Alf aus der bekannten Fernsehserie, oder an den
Schweinestall meines Großvaters, den er früher bewirtschaftet hatte. In diesem
Fall versuchte ich mich nicht zu sehr anzupassen, um Zuhause von der
Gesellschaft noch akzeptiert zu werden.

Ich freute mich, als ich
den Flughafen erkannte, auf den wir zusteuerten, aber ich sah nur Eis. Ich
hatte noch nie einen Flughafen gesehen, der nicht komplett vom Eis befreit
wurde und ich dachte mir: das wird eine interessante Landung.

Nachdem ich eine Weile
auf meinen Koffer wartete, sah ich, dass er die Reise nicht ganz überstanden
hatte. Ich meldete den Schaden, bekam zwar nicht den Preis des Koffers ersetzt,
aber ich war nach über 24 Stunden Anreise zu müde, um zu verhandeln. Später
fand ich für den erhaltenen Betrag einen schönen Koffer, den ich bis heute mein
Eigen nenne.

Nachdem ich alle Sachen
beisammen hatte, ging es zum Taxistand. Ich Schritt durch die Tür des Flughafens
und blieb stehen. Ich sah auf den Boden und bemerkte gelbe und weiße Flecken am
Boden. Ich wusste nicht was das war, bis ich sah, wie ein Mann tief aus seinem
Rachen eine nicht geringe Menge Speichel und Eiter hervor röhrte. Nachdem ich meine
neuen Schuhe damit nicht beleidigen wollte, suchte ich mit Blick auf den Boden
einen Weg durch das Labyrinth aus Eiterflecken. Ich versuchte auch den schweren
Koffer nicht den Boden berühren zu lassen.

Der Taxifahrer konnte
kein Englisch, also zeigte ich ihm die Schriftzeichen des Hotels. Im Hotel
angekommen, freute ich mich auf das Bett. Die Klimaanlage stellte ich ab, weil
ich die trockene Luft nicht vertrage, und ich erblickte einen Hinweiszettel am
Schreibtisch mit der Wettervorhersage für den nächsten Tag. Ich las -26 Grad
Celsius, aber nachdem ich schon bei der Anfahrt zum Hotel sah, dass die ganze
Stadt vereist war, wunderte mich das nicht. Ich hatte zum Glück auch warme
Sachen dabei.

Nach ein paar Tagen
sprangen meine Lippen auf und meine Nase begann zu bluten. Die kalte und
trockene Luft hatte mir zugesetzt. Nachdem das Hotel-Personal die Klimaanlage
immer wieder einschaltete, obwohl ich sie zuvor ausgeschaltet hatte, ging ich
zur Rezeption, um ihnen mitzuteilen, dass die Klimaanlage für mich nicht
förderlich sei. Nach einer Weile, als ich schon im Bett lag, kam eine
Rezeptionistin mit einem Techniker und einer einen Meter langen Tube mit
Dichtmasse. Sie dichteten damit die Fenster ab, während ich durch die Fernseh-Programme
zappte, in der Hoffnung, einen passenden Sender zur Unterhaltung zu finden. Ich
fand es nett, dass sie auf mich eingegangen waren, auch wenn nun das Blut in
der Nase eine Koexistenz mit den Dämpfen aus der Dichtmasse einging.

In einer Nacht konnte ich
nicht schlafen, weil ein Mann stundenlang den Teppich im Gang vor meinem Zimmer
mit seinem Erbrochenen markierte, bevor er endlich sein Zimmer fand.
Wahrscheinlich hatte er zuvor ein kleines Bier getrunken. Am nächsten Tag nach
dem Frühstück fuhr eine Putzmaschine über den Teppich, und er sah fast so aus
wie zuvor. Jetzt wusste ich, warum mich die Rezeptionistin auf die
Hauspantoffeln aufmerksam gemacht hatte.

Nachdem ich das Ökosystem
der Teppichlandschaft in dem Hotel nicht beeinflussen wollte, begleiteten mich
meine Schuhe fortan bis zur Bettkante. Wenn ich mit den Socken am Teppich ankam,
erschrak ich und wollte die Socken gleich verbrennen.

Zum Einkaufszentrum, das
fast in Sichtweite war, nahmen die Hotelgäste meist ein Taxi, weil sie Angst
davor hatten, sich auf dem Weg das Kreuz zu brechen. Es gab zwar Gehwege, aber
diese waren von einer zehn Zentimeter dicken Eisschicht bedeckt, welche nicht
griffig war. Man konnte also nur zum Einkaufszentrum hin rutschen. Für fünf
Minuten Gehweg benötigte man ungefähr eine Stunde.

Drei Stunden mit dem Auto
entfernt gibt es eine weltberühmte Eis-Stadt. Leider konnte ich keine
Sehenswürdigkeiten in der Nähe ausmachen, allerdings nutzte ich die verfügbare Freizeit
an Sonntagen und besorgte mir einige sehr schöne Lentikular 3D-Bilder, die ich
im Supermarkt fand. Ich war verwundert, dass man in dieser Eiswüste, die nicht
gerade fortschrittlich wirkt, 3D-Bilder findet, aber manchmal hat das Leben
einen Scherz auf Lager.

Meine Arbeit wurde oft
durch politische Unstimmigkeiten erschwert. Nach wochenlangen Diskussionen
wurde eine Netzwerkverbindung zum Serverraum für meine Maschinen hergestellt.
Das Kabel führte durch die Halle, durch eine Tür zur Hauptsteuerung. Jedes Mal,
wenn jemand die Tür schloss, was sehr oft der Fall war, wurde das Netzwerkkabel
dünner, weil es von der Tür eingeklemmt wurde. Irgendwann wurde es mir zu viel
und ich erlaubte mir den Manager, in Gegenwart seiner Untergebenen, drauf
hinzuweisen, dass das ganze Werk an einem gewissen Kabel hängt, welches als
eine Art Nabelschnur dient, und dass er es zu verantworten hätte, wenn das
gesamte Werk still steht. Als Techniker musste ich, um meine Aufträge zu erfüllen,
oft forsch sein, oder es selbst machen. In China ist jedoch die Hierarchie so
ausgeprägt und die Menschen so beherrscht von ihrem Ehrgefühl, dass es für
ausländische Techniker sehr schwer werden kann. Das positive Verhältnis zu dem
Manager war erstarrt, wie das Wasser auf den Straßen.

Auch nach meinem zweiten
Einsatz vor Ort führte das Kabel noch durch die Tür. Es war aber schon etwas
weiter geschrumpft.

Comments are closed.

Top